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Yin und Yang
Konjunkturprogramme und eine expansive Geldpolitik haben weltweit dazu beigetragen, dass die «grosse Rezession» nach der gängigen Definition des Begriffs zu Ende ist. Der Gipfel der Intervention ist erklommen, doch wie beim Bergsteigen kann der Abstieg – die Normalisierung von Geld- und Fiskalpolitik – genau so gefährlich sein wie der Aufstieg.
Die Geister der Experten scheiden sich bei der Frage, wo die grössten Gefahren auf dem Weg zurück zur Normalität liegen. Anhand der Medienberichterstattung der letzten Monate drängen sich folgende zwei pessimistischen Szenarien in den Vordergrund:
1. Die Trendwende der Zentralbanken zu einer restriktiveren Geldpolitik kommt zu früh und würgt den konjunkturellen Aufschwung ab.
2. Der verbreitet massive Anstieg der Staatsschulden führt zu vereinzelten Staatsbankrotten, was erneut einen Dominoeffekt für das gesamte Finanzsystem auslöst.
Besonders die grosse Angst vor den steigenden Staatsschulden bereitet auf der anderen Seite Richard C. Koo, Autor von «The Holy Grail of Macroeconomics: Lessons from Japan’s Great Recession», Sorgen. In seinem Buch präsentiert er die Ergebnisse seiner Untersuchung zum
«verlorenen Jahrzehnt» der japanischen Wirtschafthttp://www.iconomix.ch/ (ab 1991) und der Analyse, welche Massnahmen gegen die Rezession wirksam waren. Dabei kommt er zum Schluss, dass in der damaligen sowie der aktuellen Situationen staatliche Stimulusprogramme die einzige Möglichkeit zur Verhinderung einer Depression sind.[1]
Diesen Befund begründet Koo mit der Unterscheidung zweier sehr unterschiedlicher Typen von Rezessionen.[2] Die «normale» Yang*-Rezession, wie sie im Rahmen des normalen Wirtschaftszyklus wiederholt auftritt, kann mit einer expansiven Geldpolitik relativ leicht bekämpft werden, während staatliche Konjunkturprogramme auf Grund des
«crowding out»-Effektshttp://www.iconomix.ch/ und des schlechten Timings eher kontraproduktiv sind.
Die gefährlichere Yin*-Rezession hingegen folgt in der Regel einer von Kreditexzessen getriebenen Vermögenswertblase und tritt sehr selten auf – so geschehen in den 30er Jahren in den USA, in den 90er Jahren in Japan sowie im Fall der aktuellen Krise. Diese Art von Rezession nennt der japanische Ökonom «Bilanzrezession», da die privaten Wirtschaftsakteure nach den massiven Vermögenseinbussen auf überschuldeten Bilanzen sitzen. Die einzige rationale Lösung für jeden Akteur ist der Abbau von Schulden – so genanntes «Deleveraging» – durch den Verkauf von Vermögenswerten, worauf die Wirtschaft und die Vermögenspreise immer weiter einbrechen.
Dieser Prozess kann laut Koo nicht mit einer expansiven Geldpolitik gestoppt werden – die Akteure wollen ja Schulden abbauen, nicht neue aufnehmen. Stattdessen muss der Staat während der Dauer des Entschuldungsprozesses in die wirtschaftliche Nachfragelücke springen, damit das Wirtschaftswachstum nicht implodiert, was für den Staat letztlich das grössere Übel wäre.
Konkret empfiehlt Koo deshalb, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren weiterhin staatliche Stimulusprogramme im grossen Stil laufen müssen. Ansonsten läuft die Welt Gefahr, Japan den 1. Rang des «verlorenen Jahrzehnts» abzulaufen.
Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann
*«Yang» ist das chinesische Wort für Sonne oder Licht, «Yin» für Mond oder Schatten.
[1] R. C. Koo, 2008. The Holy Grail of Macroeconomics: Lessons from Japan’s Great Recession. Singapore: Wiley.
[2] M. Dittli, 2009. «Die Stimulusprogramme reichen noch nicht». Finanz und Wirtschaft, 23. Dezember.
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