iconomix

Schweizerische Nationalbank

Mittwoch, 16. Dezember 2009,
14:57

Der grosse Handelskollaps

In der zweiten Hälfte von 2008 erlitt der Welthandel einen plötzlichen, heftigen und überall gleichzeitigen Einbruch, was bereits in einem früheren Blogbeitraghttp://www.iconomix.ch/ am Beispiel des Aussenhandels auf dem Seeweg aufgezeigt wurde. Ein kürzlich veröffentlichtes Ebook, geschrieben für die Handelsminister aus aller Welt, fasst die Forschungsergebnisse von führenden Ökonomen zur Ursache dieses Kollapses, zu dessen Konsequenzen und den Aussichten auf eine Erholung zusammen.[1]

Die Autoren sind sich einig, dass die Ursache für den Handelskollaps auf der Nachfrageseite zu finden ist. Vor allem der Kauf von langlebigen Gebrauchs- und Investitionsgütern wurde in der grossen Vertrauenskrise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothershttp://www.iconomix.ch/ hinausgeschoben.

Der Konkurs von Lehman war der Höhepunkt von vielen Ereignissen, die für eine grosse Unsicherheit am Markt sorgten. Resultate aus der Verhaltensökonomiehttp://www.iconomix.ch/ zeigen, dass sich die Menschen in der Angst vor dem Unbekannten extrem risikoavers verhalten (im Gegensatz zu einer Situation mit abschätzbarem Risiko, wenn alle unterschiedlich wahrscheinlichen Ergebnisse bekannt sind, wie z.B. im Casino). Im Herbst 2008 hatten Konsumenten, Unternehmen und Investoren weltweit in der Tat keine Ahnung, was auf sie zu kommen würde und übten sich deshalb in Zurückhaltung, bis das Ausmass der Krise besser abgeschätzt werden konnte.

Zwei Faktoren verstärkten den Nachfrageschock und sorgten dafür, dass der Handel viel stärker einbrach als das gesamte BIP.

1. Struktur-Effekt:

Der Nachfrageschock war zwar sehr gross, aber auf einen eher schmalen Wertschöpfungsbereich fokussiert – die langlebigen Gebrauchs- und Investitionsgüter. Dieser Bereich macht nur einen kleinen Teil des weltweiten BIPs aber den Hauptteil des weltweiten Handels aus.

2. Synchronitäts-Effekt:

Das Ausmass des Handelskollapses ist darauf zurückzuführen, dass die Importe und Exporte fast aller Länder gleichzeitig fielen. Am Ursprung dieser Entwicklung steht die Globalisierung mit der Internationalisierung der Lieferketten («supply chains»). Zögerliches Kaufverhalten wird sofort auf die ganze internationale Lieferkette übertragen, wodurch die Handelsaktivität fällt.

Im Unterschied zu früheren Krisen beeinflussten angebotsseitige Faktoren den Einbruch im Welthandel weniger stark. Selbst als die globalen Kreditmärkte einfroren, war der Rückgang in der Handelsfinanzierung relativ moderat und konnte den Handel nicht massiv schwächen, was laut den Autoren des Ebooks der raschen und massiven Unterstützung durch die Notenbanken zu verdanken ist.

Erstaunliche Einigkeit herrscht bei den Autoren bezüglich der Folgerungen aus dem grossen Handelskollaps: Globale Handelsungleichgewichte müssen bekämpft werden, indem unter anderem Wechselkurse neu ausgerichtet und Staatsdefizite reduziert werden, um einen protektionistischen Rückschlag zu verhindern.

Für das iconomix-Team
Marcel Stadelmann

 

[1] R. Baldwin (Ed.), 2009. The Great Trade Collapse: Causes, Consequences and Prospects. VoxEU.org Publication.

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