iconomix

Schweizerische Nationalbank

Freitag, 25. September 2009,
14:19

Vom BIP zum Glück?

Geht es um internationale Wohlstandsvergleiche, so fällt noch immer viel zu schnell der Blick auf eine dafür nur bedingt geeignete Kenngrösse: das Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Dabei sind die Schwächen des BIP als Indikator für die Lebensqualität seit längerem bekannt. Beispielsweise werden nur Grössen erfasst, die auch über einen Preis verfügen.

Folglich findet das Betreuen von Kindern im eigenen Haushalt genauso wenig Berücksichtigung wie jegliche Form gemeinnütziger Arbeit zugunsten der Gesellschaft.

Oder denken Sie an unsere Institutionen: Welchen Wert hat das Recht auf freie Meinungsäusserung? Was kostet politische Mitbestimmung? Wie teuer ist ein fairer Gerichtsprozess?

Aber auch öffentliche Dienste wie das Gesundheitswesen oder die Schulen sind davon betroffen. Hier erfolgt eine rein kostenseitige Betrachtung der Situation. Der Nutzen aus der Verfügbarkeit wird im BIP nur bedingt wiedergespiegelt.

Und fast schon zynisch mutet es an, wenn bspw. die Folgen einer Katastrophe sich positiv im BIP-Wachstum niederschlagen. Je mehr Verletzte, desto höher die ärztlichen Behandlungskosten, desto höher das BIP.

Dass also das BIP als Vergleichsgrösse für das gesellschaftliche Wohlbefinden wenig geeignet ist, leuchtet ein. Gleichwohl ist man sich in der Fachwelt noch immer uneins, welches die beste aller Alternativen ist um die Lebensqualität adäquat erfassen zu können.

Exakt mit dieser Fragestellung wurde eine Expertenkommission unter der Leitung der beiden Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen betreut. Der Bericht liegt seit kurzem öffentlich vor und liefert ein reiches Fundament für Diskussionen.

Erfreulicherweise mischen in dieser Debatte auch eine handvoll Schweizer Ökonomen ganz vorne mit. Insbesondere Alois Stutzer und Bruno S. Frey haben sich mit Publikationen zur sogenannten «Happiness Economics» hervorgetan. Dieser auch als «Glücksforschung» bekannte Zweig der Wirtschaftswissenschaften gilt als eines der vielversprechendsten Konzepte bei der Behandlung von Fragen zur Lebensqualität und dem allgemeinen Wohlbefinden.

Natürlich sind - wann immer Veränderungen anstehen - auch die Kritiker nicht fern. Wird ein Staat nicht seine Macht missbrauchen und neue Indikatoren so ausgestalten, so dass dieser in einem möglichst guten Lichte erscheint? Oder könnten die einzelnen Bürger nicht Angaben zu ihrer Zufriedenheit bewusst verfälschen um in den Genuss von zusätzlichen staatlichen Leistungen zu kommen?

Der Ruf nach unabhängigen statistischen Ämter verdient hier sicherlich Beachtung. Die Wichtigkeit alternativer Instrumente zur Bestimmung der Lebensqualität einzelner Individuen oder ganzer Gesellschaften bleibt dabei aber unbestritten.

Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser

 

Verlgeiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economicshttp://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-27-sept-2009/ vom 27. September 2009.

Weiterführende Informationen:
- iconomix-Blog: Die Serie «Ohne Markt kein Preis» beleuchtet mit Blick auf die Umwelt das Problem fehlender Märkte und liefert methodische Lösungsansätze (Teil 1, Teil 2).
- Handelszeitung (14.09.2009): «Sarkozy will weltweit BIP als Wohlstandsindikator ersetzen».
- The Economist (17.09.2009): «Measuring what matters».

Kommentare: (2)
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  • 2 Kommentare
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Pascal Sulser
Freitag, 16. Oktober 2009,
09:15
Einstiegslektüre

Sehr geehrter Herr Kalbermatten,

Es freut mich zu hören, dass der Beitrag bei Ihnen Verständnis für die Problematik und Interesse für die Fragestellung geweckt hat. Als Einstiegslektüre nahelegen würde ich Ihnen vielleicht das Buch «Die glückliche Gesellschaft» des renommierten Ökonomen Richard Layard. Wie es der Name bereits verrät, steht hier die Glücksforschung im Zentrum. Mit

Sicherheit ein interessanter Ausgangspunkt, sehr zugänglich verfasst und mit vielen interessanten Verweisen auf die Wirtschaftsforschung gespickt.

Freundliche Grüsse,
Pascal Sulser

Timon Kalbermatten
Sonntag, 11. Oktober 2009,
11:19

Ich als Wirtschaftslaie habe mir noch nie Gedanken über diese Fragestellung gemacht. Beim lesen dieser Worte leuchtet es aber auch mir ein, dass das BIP als Massstab für den Vergleich des internationalen Wohlstands ungeeignet ist.

Den Bericht der beiden Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen habe ich mir heruntergeladen. Ich musste aber feststellen, dass ein Übersetzten und Analysieren meinerseits Monate bis Jahre dauern würde. Schlauer wäre ich im Anschluss auch nicht. Ich vertraue auf die Experten in diesem Gebiet und bin froh, dass auch Bestehendes, wie hier

das BIP, hinterfragt und überarbeitet wird.


Timon Kalbermatten,

Ausbildung Geomatiktechniker BIZ GEO

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