iconomix

Schweizerische Nationalbank

Freitag, 14. August 2009,
15:43

Von Herdenverhalten und Blasenbildung

Wie konnte es geschehen, dass sich im US-Häusermarkt über viele Jahre eine Spekulationsblase bildete, ohne dass dies Investoren und Experten bemerkten?

Der Ökonomieprofessor Robert Shiller lieferte in der New York Times vom 1. März 2008 eine mögliche Erklärung. Shiller verweist seinerseits auf einen Artikel dreier Ökonomen von 1992.[1] Demzufolge sind nicht Irrationalität oder Dummheit die Hauptursachen von Spekulationsblasen, sondern unvollständige Information und verhaltensökonomische Aspekte.

Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einer Autokolonne, welche dasselbe Ziel hat. Die Sicht reicht nicht weit, es ist neblig. An einer Kreuzung passiert es nun, dass die ersten drei Wagen die linke und somit falsche Abzweigung erwischen. Diese drei Lenker senden mit ihrer Wahl ein «Signal» an die Nachfolgenden aus. Möglicherweise glaubt der vierte Fahrer zwar, dass der andere Weg der richtige wäre. Er ist sich aber nicht sicher genug, um von den vorderen Autos abzuweichen – fahren diese doch alle in die andere Richtung.

Nun sind Sie an der Reihe. Auch Sie glauben zu «wissen», dass der rechte Weg der richtige ist. Aber alle Fahrer vor Ihnen sind offenbar anderer Ansicht. Wie entscheiden Sie sich? Dieselbe Geschichte lässt sich auf die Finanzmärkte übertragen. Ein Investor weiss nie über den genauen Wert eines Investments bescheid. Er muss also die zukünftigen Erträge abschätzen und auf dieser Basis entscheiden, ob er investiert oder nicht.

Mit dem Kauf einer Anlage offenbart er schliesslich seine Einschätzung und gibt damit den Hinweis für andere Investoren, dass sich die Investition lohnen könnte. Steigt der Preis dieser Anlage dann auch noch, so wird der Hinweis (vorerst) bestätigt! «Wenn es so viele Käufer gibt und die Preise tatsächlich steigen, so könnte meine eigene Einschätzung falsch sein» denken sich vielleicht andere Investoren, welche der Investition zuerst abgeneigt waren. So mehren sich die Kaufaufträge für ein Investment, das langfristig vielleicht gar kein lohnendes ist und es kann sich eine Spekulationsblase bilden. Dies obwohl jeder Investor rational – aber aufgrund unvollständiger Information – handelt.

Einzig die Investoren, welche sich ganz sicher sind, dass die andere Entscheidung die richtige ist, werden nicht mit der Masse mitgehen. Das Problem dabei: Über künftige Entwicklungen an Finanzmärkten gibt es nie absolute Sicherheit.

Für das iconomix-Team
Ronald Indergand

 

Vergleiche dazu die iconomix-Fragen in Politics-Economicshttp://www.iconomix.ch/de/alacarte/detail/a015/journal/politics-economics-16-aug-2009/ vom 16. August 2009.

[1] S. Bikhchandani, D. Hirshleifer und I. Welch, 1992. A Theory of Fads, Fashion, Custom, and Cultural Change as Informational Cascades, The Journal of Political Economy, Vol. 100, No. 5, 992-1026.

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