iconomix

Schweizerische Nationalbank

Dienstag, 18. November 2008,
10:05

Ausgetrockneter Geldmarkt

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten haben nicht nur das Vertrauen der Sparer in die Banken erschüttert (siehe hierhttp://www.iconomix.ch/), sondern auch eine «Vertrauenskrise» unter den Banken ausgelöst. Der Kollaps von Lehman Brothers am 15. September 2008 erschütterte die Finanzmärkte und verursachte grosse Unsicherheit im Bankensystem. In der Folge kam es zu einer Verknappung am Geldmarkt mit stark ansteigenden Zinsen für ungedeckte Interbankengeschäfte.

Besondere Bedeutung für die Schweiz hat der 3-Monats-Libor (rot), der Leitzins der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Zu diesem Zins leihen sich die Banken Schweizer Franken für eine Laufzeit von drei Monaten. Das geldpolitische Ziel der SNB besteht darin, den Libor in der Mitte des angestrebten Zielbandes (grün) zu halten. Sie steuert den Libor indirekt über ihre Geldmarktgeschäfte: Sie bietet den Banken über ihre Repo-Geschäfte Geld an und verlangt dafür den Repozins (blau). Wenn die SNB z.B. den Repozins herabsetzt, sinkt normalerweise auch der Libor.

Wie die Grafik zeigt, besteht in normalen Zeiten eine enge und gleichlaufende Beziehung zwischen Libor und Reposatz. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 hat sich die Spanne zwischen den beiden Zinssätzen jedoch vergrössert. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Wochen noch akzentuiert. Wie ist die sich öffnende Spanne der beiden Zinssätze zu interpretieren?

Neben der unterschiedlichen Fristigkeit besteht zwischen den beiden Zinssätzen ein entscheidender Unterschied: Libor-Kredite zwischen den Banken sind ungedeckt, während die Repo-Geschäfte der SNB durch die Hinterlegung von Wertschriften gedeckt sind. Bei Libor-Krediten besteht also ein gewisses Kreditrisiko, was die Zinsdifferenz erklärt. Die vergrösserte Spanne seit Ausbruch der Finanzkrise widerspiegelt das gestiegene Kreditrisiko, das die Banken den Geldmarktgeschäften beimessen.

Der Kollaps von Lehman Brothers am 15.September 2008 führte dazu, dass die Risikoerwartungen der Banken für die Kreditvergabe an andere Banken noch einmal massiv anstiegen. Die Folgen: die Banken waren kaum noch bereit, untereinander Geld auszuleihen, die Liquiditätsbeschaffung über den Geldmarkt kam praktisch zum Erliegen.

Um Liquiditätsengpässe der Finanzinstitute zu vermeiden und den Geldmarkt wieder zu beleben, hat die SNB zwei Massnahmen ergriffen: Zum einen senkte sie den Reposatz stark, so dass sich die Banken zu günstigeren Konditionen Liqudidität von der SNB beschaffen können. Zum anderen stellte sie der Europäischen Zentralbank (EZB) Franken gegen Euro zur Verfügung (Devisen-Swap), weil bei vielen Banken im Euroraum eine grosse Nachfrage nach Franken besteht.

Durch die ausgeweitete Versorgung der Finanzinstitute mit Schweizer Franken haben sich die Spannungen am Geldmarkt nach einiger Zeit merklich gelöst: Von Mitte Oktober bis Mitte November sank der 3M-Libor um rund einen Prozentpunkt.

In einem Interview mit der NZZ (1.11.2008) nimmt Nationalbankpräsident Jean-Pierre Roth u.a. zur Umsetzung der Geldpolitik ausführlich Stellung.

Für das iconomix-Team,
Boris Kaiser

 

Unterrichtsmaterial zum Thema Geldpolitik bieten der A-la-Carte-Baustein «Geldpolitik» sowie die Module «Geldpolitik Basis» und «Geldpolitik Plus».

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