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Simon Schmidhttp://www.iconomix.ch/de/blog/author/65/, Donnerstag, 12. Juli 2012, 09:07

Der Euro: ein grosser Schwindel?

Im Jahr 1996 schlossen die Finanzminister Deutschlands und Griechenlands eine Wette ab: Würde Griechenland jemals Teil der Eurozone sein? Der Ausgang ist bekannt. 1999 wurde der Euro als Buchgeld eingeführt, bei der Ausgabe von Bargeld am 1. Januar 2002 war Griechenland als Mitglied der Währungsunion dabei.

Die ARD strahlte letzte Woche einen sehenswerten Dokumentarfilm zum Thema aus. «Der grosse Euro-Schwindel» geht zu den Geburtsstunden des Euro zurück. Wie wir wissen, war es eine Zangengeburt: Einige Länder erfüllten die vorgesehenen Teilnahmekriterien, wie etwa einen maximalen Schuldenstand von 60 Prozent des BIP, nicht. Andere kämpften bereits im Jahr der Einführung damit, die vorgesehene Defizitgrenze von 3 Prozent einzuhalten.


 
Der Film von Regisseur Michael Wech zeigt, wie während der Entstehung der Währungsunion gepokert und getrickst wurde – und zwar hüben in Griechenland, wie auch drüben in Deutschland. In den Medien wurde der Film deswegen als mutiges Stück gewürdigt: Derart deutliche Worte waren sich die Kommentatoren von der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt ARD sonst nicht unbedingt gewohnt.

«Der grosse Euro-Schwindel»: Der dramatische Titel wird denjenigen Zeitgeistern Freude bereiten, die es mit dem Euro schon immer besser wussten. 170 deutsche Ökonomen lassen grüssen. Mich persönlich hat die Dokumentation aber weniger durch Enthüllungen oder Anklagen, sondern vor allem durch ihre Zwischentöne überzeugt.

Wenn etwa Yannis Stournaras – in den neunziger Jahren war er Regierungsberater, heute ist er Finanzminister Griechenlands – in die Kamera sagt, Griechenland hätte den Euro-Beitritt angestrebt, gerade weil man sich dadurch eine Disziplinierung der Fiskalpolitik erhoffte: Muss die Aufnahme Griechenlands dann immer noch als völliger Irrsinn abqualifiziert werden – so wie es die Medien heute allgemein tun?

Die Geschichte hat gezeigt, dass Griechenlands Beitritt tatsächlich ein Irrsinn war. Doch die herausgepickte Aussage zeigt, dass eine Entscheidung zum Zeitpunkt, da sie gefällt werden muss, nicht immer als eindeutig richtig oder falsch eingeordnet werden kann. Im Fall von Spanien oder Irland wird das Urteil gar noch schwieriger. Bei aller griechischen Schummelei bleibt festzuhalten, dass das Projekt «Euro» seit jeher ohne erprobtes Drehbuch auskommen musste.

Eine politisch oder ökonomisch «reine Lehre» zum Euro gab es nie. Die ARD-Dokumentation macht dies deutlich – dank Interviews mit Protagonisten wie den ehemaligen deutschen Finanzministern Theo Waigel, Hans Eichel und Wolfgang Schäuble, dem ehemaligen EZB-Chefvolkswirten Otmar Issing oder dem Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker – der Luxemburger hat in den letzten 15 Jahren wohl noch jeden Eurogipfel mitgemacht und wurde soeben wieder gewählt.

Ganz Deutschland streitet aktuell über den ESM-Rettungsschirm – es geht um die mögliche Rettung von Banken in Spanien und Italien. Ökonomisch sinnvolle Argumente werden von beiden Seiten vorgebracht. Doch wer kann heute schon mit Sicherheit sagen, wie Dokumentarfilmer in zehn Jahren auf den Ausgang des Streits zurückblicken werden? Ob und wie stark die Politiker bei der Euro-Einführung «schwindelten», bleibt für die aktuellen Entscheidungen – man kann dies bedauern, oder nicht – letztlich sekundär.

Zum Schluss der Hinweis auf weitere Dokumentarfilme, die sich mit der Eurokrise beschäftigen:

  • «Im verflixten 10. Jahr» wurde im Januar dieses Jahres ausgestrahlt. Die Dokumentation stammt ebenfalls von der ARD und ist mindestens so gut wie «Der grosse Euro-Schwindel». Für einen etwas Euro-enthusiastischere Ton sorgt gegen Ende des Films der Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit.
  • «Die Griechenland-Lüge» des ZDF steht ganz im Zeichen des griechischen Polit-Chaos in den vergangenen Monaten. Der Film schlägt die Brücke vom Euro-Beitritt bis zur heutigen Wirtschaftsmisere im Land. Interessante Interviews wiegen den zuweilen etwas reisserischen Unterton des Films auf.
  • «Der Euro am Abgrund», ein Dok des Schweizer Fernsehens, wurde bereits im Dezember 2010 ausgestrahlt. Als Geschichtsfilm zur Eurokrise ist er aber noch immer aktuell. Die Interviews mit Ökonomen verleihen dem Streifen eine etwas didaktischere Note.

Lesen Sie auch:

  • «Die Griechen sind nicht alleine schuld», die EU-Mitgliedstaaten haben lange Zeit gewichtige Probleme ignoriert, die zur Euro-Krise geführt haben. NZZ, (29.08.2012)
Thema: Geld, Währung, Finanzenhttp://www.iconomix.ch/de/blog/list/4-geld-waehrung-finanzen/
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