Haben Sie in ihre Velopneus schon einmal sieben Bar Luftdruck hineingejagt? Wenn ja, dann wissen sie, wie leicht es sich dann fährt. Dank den prall aufgepumpten Reifen schwindet der Rollwiderstand beim Fahren auf ein Minimum. Beim Treten geht kaum Kraft verloren, man gelangt leichter und schneller ans Ziel.
Nicht gerade mit Luft vollgepumpt, dafür aber mit viel Geld überschwemmt, werden derzeit Staaten wie Deutschland oder die Schweiz. Der Effekt bleibt derselbe: Es verringert sich der Aufwand im tagtäglichen Geschäft, also in der Refinanzierung des Staatshaushalts. Tiefstzinsen sorgen gegenwärtig dafür, dass die Schweiz ihre Schulden so günstig wie noch nie «rollen» kann.
Anders geht es Spanien und Italien. Die Finanzmärkte verweigern ihnen jegliche Luftzufuhr, ihre Anleiherenditen erreichen tagtäglich neue Höchstwerte. Für Spanien ist das bitter, denn durch die erschwerten Finanzkonditionen muss das Land noch härter in die Pedale treten. Mit hohen Zinsen einen ausgeglichenen Haushalt zu schreiben, ist schwierig – noch schwieriger, als es in einer angespannten Wirtschaftslage ohnehin schon ist.

Ob das «fair» ist, darüber lässt sich streiten. Manche Ökonomen sehen die hohen Zinsen der Krisenländer auch als Bestrafung für vergangene Wirtschaftssünden an. Andere Volkswirte sagen das Gegenteil: Für sie ist es ein Imperativ, dass diese Länder wieder günstiger zu Geld kommen – und zwar nicht über Rettungsvehikel wie den EFSF- und ESM-Fonds, sondern über den regulären Kapitalmarkt.
Ihr Zauberwort dazu lautet «Eurobonds». Das sind Staatsanleihen, deren Rückzahlung von den Eurostaaten gemeinsam garantiert wird. Anleger, die diese Schuldscheine kaufen, leihen nicht mehr einzelnen Staaten Geld, sondern geben es einer zentralen Agentur. Diese leitet die Gelder den einzelnen Ländern weiter und regelt die spätere Rückzahlung an den Investor. Sieht man von den Anleihen des EFSF-Rettungsvehikels ab, so existieren solche Bonds heute noch nicht.
In den letzten Monaten wurden verschiedene Varianten ins Spiel gebracht. Für so genannte «Eurobills» (Marktgrösse: 900 Milliarden Euro) plädieren Christian Hellwig von der Uni Toulouse und Thomas Philippon von der New York University. Ihr Vorschlag sieht vor, dass die Euroländer Schuldpapiere von bis zu einjähriger Laufzeit gemeinsam herausgeben könnten. Bedingungen bezüglich Budgetdisziplin und Finanzpolitik würden garantieren, dass einzelne Länder bei der Aufnahme kurzfristiger Schulden nicht übertreiben würden.
Eine Variante, die sich «ESBies» (Marktgrösse: 4,0 Billionen Euro) nennt, hat eine Gruppe von Ökonomen um Markus Brunnermeier aus Princeton entwickelt. Ihrer Idee zufolge würde eine europäische Schuldenagentur Staatspapiere auf dem Markt aufkaufen und diese in zwei Gruppen von «Senior»- (bevorzugten) und «Junior»-Titeln tranchieren. Das Konstrukt hätte den Vorteil, dass den einzelnen Euro-Mitgliedsstaaten keine gegenseitigen Verpflichtungen entstünden.
Solche Teilverpflichtungen gäbe es beim Vorschlag «Blaue/rote Bonds» (Marktgrösse: 5,5 Billionen Euro), den die Ökonomen Jacques Delpla und Jakob von Weizsäcker für den Think Tank Bruegel entwickelt haben. Sämtliche Staatsanleihen der Euroländer, die gegenwärtig auf dem Markt sind, würden eingesammelt und durch Eurobonds ersetzt. Die einzelnen Länder könnten dabei Finanzmittel im Umfang von bis zu 60 Prozent des BIP über blaue, günstige Bonds beziehen. Für Gelder über dieser Schwelle müssten die Länder auf rote, teurere Anleihen zurückgreifen.
Der deutsche Rat der Wirtschaftsweisen schliesslich spricht sich für einen «Schuldentilgungspakt» (Marktgrösse: 2,3 Billionen Euro) aus. Ihrer Idee zufolge würden sämtliche Schulden der Euroländer über 60 Prozent des BIP in einen Fonds ausgelagert, der eine Laufzeit von 20 bis 25 Jahren hätte. Um ihre Schulden in diesen Fonds einzubringen, müssten die Länder gleichzeitig Schuldenbremsen einführen und einen Plan zur mittelfristigen Konsolidierung des Haushalts vorlegen.
Wie auch immer Eurobonds ausgestaltet würden: Für die Ökonomen von Bank of America Merill Lynch, von denen auch die obigen Schätzungen der jeweiligen Marktgrösse stammen, ist klar, dass die gemeinsame Ausgabe von Eurobonds nur ein Zwischenschritt ist.
Eurobonds würden zwar den Zins verringern, den die Krisenländer künftigen Gläubigern bezahlen müssten. Doch die strukturellen Ungleichgewichte in Dingen wie der Wettbewerbsfähigkeit würden durch Eurobonds alleine nicht beseitigt. Auch für einen wirkungsvollen Finanzausgleich, wie ihn Bundesstaaten wie die Schweiz oder Deutschland kennen, bieten Eurobonds alleine keinen Ersatz.
Die Zeit drängt. Nachdem sich die Währungsunion während zwei Jahren durch die Krise «gewurstelt» hat, werden nun Stimmen laut, die endlich einen längerfristigen Masterplan sehen wollen. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, gehört zu ihnen, ebenso wie die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde. Die Äusserung einer gemeinsamen Vision für Europa ist in ihren Augen zwingend notwendig, um Finanzstabilität und Wachstum in Europa zu ermöglichen.
Am Wochenende vom 28. Juni werden Europas Regierungschefs die nächste Gelegenheit zur Diskussion über Eurobonds und weitere Integrationsschritte haben. Eine Entscheidung muss her: Rinnt einzelnen Teilnehmern permanent Luft aus dem Schlauch, so nützt irgendwann alles Pumpen nichts mehr. Entweder man flickt das Loch und sorgt dafür, dass alle einen angenehmen Reifendruck haben – oder man lässt es mit der grossen Tour d’Europe doch besser sein.
Link zum Thema:
- Europäische Währungsunion, iconomix-Baustein


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