Der Westen ist vorne weggezogen, Afrika hinkt hinten nach: Eine Grafik über die letzten 60 Jahre zeigt, dass sich die Erdregionen wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickelt haben. In Lateinamerika und den arabischen Ländern hat sich das Wachstum nach anfänglichen Erfolgen deutlich verlangsamt. Und der ehemalige Ostblock erholt sich, nachdem er beim Übergang zur Marktwirtschaft einen Taucher gemacht hat.
Atemberaubend ist die Entwicklung in Asien: Um 1950 der ärmste Kontinent der Welt, ist Asien heute bereits so reich wie Europa es in den fünfziger Jahren war. Asiens Abstand zum Westen hat sich in einem halben Jahrhundert nahezu halbiert!
Historisch ist dieses Wachstum beispiellos. Geradezu beispielhaft ist es hingegen für die wachstumsökonomische Theorie – denn diese postuliert, dass ärmere Länder im Vergleich zu ihren reicheren Mitstreitern grundsätzlich ein höheres Wachstumspotenzial haben. Reiche und arme Länder sollten als Folge davon langfristig in ihrem Wohlstandsniveau «konvergieren», wie es im Fachjargon heisst.
Zumindest in Asien hat sich diese Annahme spektakulär bestätigt. Nach dem zweiten Weltkrieg war es zunächst die japanische Wirtschaft, die rapide zu wachsen begann; bereits 1970 erreichte Japans BIP die Werte des Westens. Südkoreas Wachstumsschub setzte in den siebziger Jahren ein; gegenwärtig schliesst das Land wohlstandsmässig zu Japan auf. Chinas Aufstieg nahm in den achtziger Jahren seinen Anfang. Sein BIP pro Kopf beträgt heute rund 20 Prozent desjenigen der USA. Setzt sich der aktuelle Trend fort, könnte dieser Wert bereits 2030 bis auf 70 Prozent ansteigen.
Ökonom und Financial-Times-Kolumnist Martin Wolf schreibt diese Entwicklung vor allem den Triebkräften der Globalisierung zu. Diese beflügelt den weltweiten Austausch von Ideen, vereinfacht den Technologie- und Kapitaltransfer und multipliziert die globale Nachfrage – und ermöglicht Entwicklungs- und Schwellenländern so eine rasante Wirtschaftsentwicklung. So sieht Wolf nach zwei Jahrhunderten der divergenten Entwicklung ein neues Zeitalter im Anbruch: Er nennt es die «grosse Konvergenz».[1]
Tatsächlich weisen heute auch ausserhalb Asiens viele Länder hohe Wachstumsraten auf. Beispiele sind Brasilien, Russland und Indien, die bereits heute zu den wichtigsten Wirtschaftsmächten der Welt gehören. Die Investmentbank Goldman Sachs glaubt derweil, bereits die nächsten Wachstumskandidaten zu kennen. Auf ihre Liste der «Next Eleven» hat sie Südkorea, Indonesien, die Philippinen und Vietnam zu künftigen Wirtschaftsmächten gekoren; ebenso zählt sie Pakistan, Bangladesch und den Iran sowie die Türkei, Mexiko, Ägypten und Nigeria hinzu.
Doch wie steht es um die Länder, die in den letzten Jahrzehnten stets zuunterst auf der Reichtumsrangliste standen? Harvard-Ökonom Dani Rodrik, bekannt als kritische Stimme in den Wirtschaftswissenschaften, beobachtet die Entwicklung vieler afrikanischer und lateinamerikanischer Länder mit gemischten Gefühlen. Anstatt dass die Globalisierung mehr und mehr Arbeitskräfte in hochproduktive Wirtschafssektoren verschiebt, nimmt der Anteil wenig produktiver Jobs in manchen Ländern zu, schreibt er. Vor allem in rohstoffreichen Ländern sei die Gefahr einer «rückwärts gerichteten Entwicklung» vorhanden, so Rodrik.[2]
Sowohl Wolf, als auch Rodrik haben jedoch eine gute Nachricht. Beide sind der Ansicht, dass es mit guter Wirtschaftspolitik prinzipiell für jedes Land möglich ist, auf den weltwirtschaftlichen Wachstumszug aufzuspringen. Verharren Länder in wirtschaftlicher Stagnation, so liegt dies häufig an Mängeln auf der institutionellen Ebene: Mangelnde Rechtssicherheit, grassierende Korruption und fehlende staatliche Strukturen sind hier als Gründe zu nennen.
Wie Martin Wolf bemerkt, hat jedoch das Wirtschaftswachstum selbst in vielen Ländern zu einer Verbesserung der politischen und administrativen Strukturen geführt. Dies gibt Anlass zur Hoffnung: Gut möglich, dass sich das Wolfsche Szenario der grossen Konvergenz im 21. Jahrhundert tatsächlich bewahrheitet. Vielleicht haben wir mit der Finanzkrise gar eine historische Zäsur miterlebt – haben doch die meisten Entwicklungs- und Schwellenländer die Krise weit besser gemeistert als die überschuldeten, mit Wachstumsproblemen und hoher Arbeitslosigkeit kämpfenden Industrieländer des Westens.
[1] Financial Times, 5. Januar 2011: «In the grip of a great convergence»
[2] Project Syndicate, 10. März 2011: «Development in Reverse» (Deutsche Übersetzung)



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