In einem lesenswerten Artikel in der NZZ am Sonntag vom 14.08.2011, der online leider nicht verfügbar ist, äussert sich Professor Ernst Baltensperger zur Frankenstärke und ihren Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft und die Geldpolitik der Nationalbank. Ernst Baltensperger ist emeritierter Professor für Makroökonomie und Geldpolitik an der Universität Bern und arbeitet heute als Berater des Studienzentrums Gerzensee der Nationalbank.
Das Interview dreht sich zunächst um die Möglichkeit einer Untergrenze für den Euro-Wechselkurs und welche Rolle dabei die Kommunikation und die Glaubwürdigkeit der Nationalbank spielen würden:
«NZZ am Sonntag: Der Euro hat sich von seinem Tief leicht erholt, auf Fr. 1.10. Braucht es jetzt noch eine Intervention der Nationalbank mit einer Untergrenze für den Euro-Wechselkurs?
Ernst Baltensperger: Die Nationalbank hat letzte Woche bereits Schritte ergriffen und die Liquidität massiv ausgeweitet. Diese Woche hat sie nachgedoppelt. Damit konnte sie den kurzfristigen Zins auf null drücken und den Druck auf den Franken bremsen. Wenn wir Glück haben und sich die internationale Lage entspannt, könnte es sein, dass die Aufwertungsdynamik gebrochen worden ist.
Sie haben gewisse Zweifel daran?
Leider präsentiert sich das internationale Umfeld sehr unerfreulich, und es ist im Moment nicht absehbar, dass sich die Lage in nützlicher Frist stark verbessert. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man zum Mittel einer Kursuntergrenze greifen muss.
Zumal wir von Tag zu Tag enorme Schwankungen erleben.
Genau. Es ist aber richtig, dass die Nationalbank zuerst mildere Massnahmen einsetzt, bevor sie zum extremen Mittel einer Kursuntergrenze greift. Es wäre sicher falsch gewesen, wenn sie schon bei einem Euro-Kurs von Fr. 1.40 versucht hätte, eine Untergrenze zu fixieren - wie dies manche gefordert haben. Das hätte enorme Kosten verursacht.
Wie könnte eine Intervention mit einer Kursuntergrenze konkret aussehen?
Heute ist der Franken massiv überbewertet - darum bin ich überzeugt, dass eine solche Intervention Erfolg haben könnte. Das Problem dabei ist die Glaubwürdigkeit der Notenbank: Wenn die Nationalbank an den Finanzmärkten unbegrenzte Glaubwürdigkeit hätte, könnte sie jedes Ziel als Untergrenze setzen, und alle Akteure würden sich sofort danach ausrichten. Die Nationalbank müsste nicht einmal mehr intervenieren. In der Praxis muss sie jedoch zuerst ihre Glaubwürdigkeit etablieren. Das bedingt, dass man mit einem relativ bescheidenen Kursziel beginnt, das über dem jetzigen Kurs des Euro liegt, aber nicht allzu weit davon entfernt ist.
Darum haben Sie als Beispiel Fr. 1.10 pro Euro als unterste Grenze genannt.
Die Nationalbank müsste zuerst klar kommunizieren, dass sie bereit ist, bis zu einem Kurs von Fr. 1.10 jede Menge Euro zu kaufen. Langfristig möchte man aber nicht auf diesem Wert verharren, das wäre schädlich für die Wirtschaft. Wenn die SNB gleichzeitig mit der Festlegung der Untergrenze ankünden würde, dass sie in zwei oder vier Wochen die Untergrenze auf Fr. 1.15 oder 1.20 heraufsetzen wird, kann man damit die Aufwertungserwartung für den Franken brechen. Das hätte den attraktiven Nebeneffekt, dass die SNB zur Sicherung der unteren Interventionsgrenze gar nicht gross intervenieren müsste. Für die Spekulanten würde es bedeuten, dass sie Verluste einfahren, wenn sie weiterhin auf den Franken setzen.
Weltweit werden an den Devisenmärkten täglich 72 Mrd. $ im Währungspaar Euro-Franken gehandelt. Hat eine Intervention bei diesen riesigen Volumen überhaupt Chancen, etwas zu bewirken?
Ja, aber es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit. In diesem Kontext ist der wachsende Sukkurs der Politik für die Nationalbank sehr wichtig. Wenn diese eine Untergrenze festlegt, darf sie nicht den geringsten Zweifel an der Durchsetzung dieses Wechselkursziels aufkommen lassen. Wenn sie gleichzeitig eine künftig höhere Untergrenze bekanntgibt, stärkt das die Glaubwürdigkeit der Intervention. Das signalisiert den Akteuren, dass Kursverluste drohen. Je glaubwürdiger die SNB auftritt, desto kleiner wird der Einsatz sein, den sie für die Intervention aufwenden muss. Geht sie zaghaft vor, sind riesige Summen notwendig.
Als die SNB 2009 und 2010 intervenierte, kommunizierte sie dies nicht. Wie wichtig ist die explizite Nennung eines Wechselkurs-Ziels?
Das ist jetzt ganz entscheidend. Weltweit gehen die Akteure im Moment davon aus, dass der Franken nur steigen kann - wie Gold. Sie vergessen dabei, dass der Franken die Währung eines Landes und einer Volkswirtschaft ist, die mit dieser Währung leben muss. Mit einem Euro-Kurs von Fr. 1.10 kann sie das nicht, das würde in der Schweiz massive realwirtschaftliche Verwerfungen auslösen. Da müssten die Preise und Löhne in der Schweiz nominell um etwa 10 bis 20% fallen, wenn die produzierende Wirtschaft überleben soll. Niemand kann ernsthaft von einem solchen Szenario ausgehen. Das muss man glaubwürdig kommunizieren: Wir sind nicht bereit, ein solches Niveau zu akzeptieren.»
Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Frage, ob die Euro-Zone und die USA versucht sein könnten, ihre massiven Schuldenberge mit hoher Inflation abzutragen. Weitere Themen sind die Grösse des Mitteleinsatzes, die bei einer Intervention der Nationalbank nötig wären sowie die Bedeutung der politischen Rückendeckung für einen solchen Schritt. Gegen Ende werden schliesslich noch die Wichtigkeit der Geldpolitik und ihre potentiellen Kosten thematisiert:
« Kann die Nationalbank mit 11% Eigenkapital weitere Interventionen tragen?
Technisch hat die Nationalbank überhaupt keine Limiten, wenn sie die eigene Währung schwächen will: Sie kann unbegrenzt Franken drucken. Die Risiken von Kursverlusten sind jetzt viel geringer als bei den Interventionen von 2009 und 2010. Im Gegenteil, die Chancen für Kursgewinne stehen jetzt hoch.
Wenn Verluste anfallen: Kann die Nationalbank ohne Eigenkapital operieren?
Schlimmstenfalls könnte die SNB ohne Eigenkapital operieren, das bei einer Notenbank eine ganz andere Funktion als bei einer Geschäftsbank hat. Geldpolitik ist eine zentrale hoheitliche Aufgabe: Die Nationalbank wahrt die Preisstabilität und sorgt sich um die Konjunktur. Die Aufgabe ist vergleichbar mit dem Rechtssystem oder der öffentlichen Sicherheit. Das sind Aufgaben, die wir uns viel kosten lassen. Geldpolitik ist eminent wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft und Wirtschaft. Wir haben uns einfach daran gewöhnt, dass man mit der Herausgabe von Geld üblicherweise einen Gewinn erzielen kann. (…)»
Das vollständige Interview findet sich in der NZZ am Sonntag vom 14.08.2011, Nr. 33, Seite 25 (online nicht verfügbar).
Für das iconomix-Team
Manuel Wälti


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