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Pascal Sulserhttp://www.iconomix.ch/de/blog/author/Pascal%20Sulser/, Samstag, 9. Juli 2011, 15:07

Bierbauch und Hüftspeck

Die Sommerferien stehen vor der Tür und damit auch ein meist ernüchternder Moment der Offenbarung: Das Bikini der Vorsaison zwickt an gänzlich neuen Stellen und der deutlich rundere Bauch lässt sich nun auch nicht mehr so leicht kaschieren wie noch das Jahr zuvor.

Leider spricht doch so einiges dafür, dass wir zu viele schlechte aber zu wenige gute Gewohnheiten pflegen (z.B. fettreiche Ernährung statt regelmässige Bewegung). Hinzu kommt: Meist ist man sich dessen voll bewusst. Das Ziel ist klar vor Augen, nur an der Umsetzung haperts. Ein schönes Indiz hierfür liefern DellaVigna und Malmendier (2006), die beobachten, dass ein durchschnittlicher Besucher eines Fitnessstudios 70% mehr bezahlt, als er eigentlich müsste. Wir tendieren dazu, Monats-Abos zu kaufen, obschon uns Einzeleintritte deutlich günstiger kommen würden.

Es stellt sich also die grundlegende Frage: Können Anreize geschaffen werden, welche dieses Verhältnis von guten und schlechten Gewohnheiten zugunsten der guten Gewohnheiten verschieben können? Wie Charness und Gneezy (2009) in einem Feldexperiment aufzeigen, ist dies tatsächlich der Fall. In dieser Studie erhielten Studenten Geld, wenn sie über einen gewissen Zeitraum das Fitnessstudio besuchten.

Das Anreizsystem war dabei wie folgt: Die rekrutierten Studenten wurden in 3 Gruppen aufgeteilt. In der erste Gruppe erhielt jeder 25$, sofern er innerhalb einer Woche mindestens 1 Mal das Fitness-Center benutzen würde. Studenten der zweiten Gruppe erhielten 125$, wenn sie über den Zeitraum von 5 Wochen mindestens 9 Mal im Fitnessstudio trainierten. Die restlichen Teilnehmer bildeten die Kontrollgruppe.

Wenig überraschend steigt die Anzahl Besuche im Fitnessstudio unter den Teilnehmern mit finanziellen Anreizen. Die interessantere Frage aber lautet: Konnten damit auch die längerfristigen Gewohnheiten beeinflusst werden? Bevor wir uns den Resultaten zuwenden, lohnt der Blick auf einen möglichen, aber gänzlich unerwünschten Folgeeffekte: Die Befürchtung ist, dass Geld die eigene Motivation verdrängen könnte. Dann würden wir zwar während der Laufzeit des Experiments einen Anstieg verzeichnen, nach Beendigung hingegen würde die Anzahl Besuche den ursprünglichen Werte unterschreiten. Kein wünschenswertes Ergebnis.

Wie die Resultate zeigen, sollte zwischen jenen Teilnehmern unterschieden werden, welche schon vor Beginn der Studie regelmässig ins Fitnessstudio gingen und jenen, die erst mit dem Experiment den Zugang zum Sport gefunden haben. Für letztere zeigt sich eindeutig, dass auch Wochen nach Beendigung des Programms die Nachfrage nach Besuchen im Fitnessstudio deutlich höher war als vor dem Einsetzen des Anreizsystems. Die Beeinflussung der Gewohnheiten scheint hier geglückt. Die zugehörige Theorie beruht auf Überlegungen des bekannten Ökonomen Gary S. Becker, der in einem 1992 erschienenen Artikel über die besonderen Eigenschaften von zeitabhängigem Konsum schreibt. Die Kernidee seiner Gedanken: Der gegenwärtige Konsum ist ein Komplementärgut zum historischen Konsum. Damit lässt sich jede Form von Gewohnheit modellieren (auch die Abhängigkeit von Suchtmitteln).

Hingegen finden Charness und Gneezy (2009) tatsächlich gewisse Hinweise darauf, dass Geldanreiz zu einer Verdrängung der inneren Motivation führen kann. Betroffen sind jedoch einzig jene Personen, die bereits vor der Intervention sportlich aktiv waren. Ihre Schlussfolgerung: Würde es sich um ein Programm der Regierung handeln, so könnte ein undifferenzierter Ansatz nicht nur Steuergelder verschwenden sondern auch die Situation insgesamt verschlimmern.

Nebst finanziellen Anreizen wird in der Ökonomie aber auch das Funktionieren von Selbsthilfe-Gruppen aktiv untersucht. Im Bereich des Sports läuft gegenwärtig eine Feldstudie mit Mitarbeitern einer Fortune-500 Unternehmung, wobei erste Resultate auf eine deutlich stärkere Beeinflussung von Gewohnheiten hinweisen als rein monetäre Anreize. In einem späteren Beitrag werde ich eine Studie präsentieren, welche die Wirkung von Selbsthilfe-Gruppen auf das Sparverhalten untersucht. Ist etwa der soziale Druck ausschlaggebend für das beobachtete Verhalten? Wir werden sehen.

Literatur:

S. DellaVigna and U. Malmendier, “Paying not to go to the gym,” American Economic Review, vol. 96, no. 3, pp. 694–694, 2006.

G. Charness and U. Gneezy, “Incentives to exercise,” Econometrica, vol. 77, pp. 909–931, May 2009.

G. S. Becker, “Habits, addictions, and traditions,” Kyklos, vol. 45, no. 3, pp. 327–345, 1992.

Thema: Menschen in der Wirtschafthttp://www.iconomix.ch/de/blog/list/50-menschen-in-der-wirtschaft/, Verhaltensökonomiehttp://www.iconomix.ch/de/blog/list/8-verhaltensoekonomie/
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