Kaum ein Thema geniesst in jüngster Zeit so viel Beachtung wie die Zuwanderung aus dem Ausland. Dabei wird oft vernachlässigt, dass die Zuwanderung und die damit verbundenen Konsequenzen für Metropolregionen ganz anders zu beurteilen sind als für Rand- oder potenzialarme Regionen.
Geändert hat sich auch der Fokus: Während bis vor kurzem vor allem die Auswirkungen der Zuwanderung auf die Arbeitslosigkeit, das Wirtschaftswachstum, die Löhne und die Finanzierung der Sozialversicherungen im Vordergrund der Debatte gestanden haben, geniessen in jüngster Zeit vor allem die Auswirkungen auf die Raumplanung, die Immobilien- und Mietpreise, die Nutzung der Infrastrukturen und auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt grosse Aufmerksamkeit. Beklagt werden verstopfte Strassen, überfüllte Züge, Überbauung von Naturräumen und steigende Wohnkosten, welche sich Einheimische nicht mehr leisten können.
Dabei hat sich das Bevölkerungswachstum in den letzten Jahren vor allem auf die grossen Agglomerationen Zürich und Genf konzentriert. Seit Einführung der vollen Personenfreizügigkeit mit der EU im Jahr 2007 ist die Bevölkerung im Kanton Zürich und im Arc lémanique um rund sieben Prozent gewachsen. Da die Mehrheit der Zuwanderer wegen einer neuen Arbeitsstelle in die Schweiz umsiedelt, sind die städtischen Agglomerationen mit ihrem breiten Job-Angebot die bevorzugten Wohngebiete dieser Zuwanderer. Das Bevölkerungswachstum hat sich damit vornehmlich auf Gegenden konzentriert, die bereits dicht besiedelt und deren Infrastrukturen – vor allem im Verkehrsbereich – schon stark höher beansprucht sind. In den Kantonen Waadt, Basel-Stadt, Zürich, Zug und Genf hat die die internationale Zuwanderung am stärksten zum Bevölkerungsanstieg beigetragen (vgl. Abbildung).
Komponenten des Bevölkerungswachstums in den Schweizer Kantonen, Jan. 2007 bis Dez. 2009
(Reihenfolge nach Bevölkerungswachstum)
Datenquelle: Bundesamt für Statistik
Im Vergleich zur Dynamik in den Wirtschaftszentren fällt das Bevölkerungswachstum in den Randregionen eher bescheiden aus, was vorwiegend auf die unterdurchschnittliche Zuwanderung aus dem Ausland zurückzuführen ist. Die Preise für Immobilien erhöhten sich in diesen Regionen nur moderat, von einer ungesunden Preisspirale bei den Immobilienpreisen kann kaum die Rede sein. Die Siedlungsfläche hat sich zwar auch ausgedehnt, allerdings nicht nur aufgrund des Bevölkerungsanstiegs, sondern auch wegen des generell gestiegenen Pro-Kopf-Bedarfs an Fläche. Staus und überfüllte Züge sind zwar auch zu beklagen, sie sind aber vor allem eine Konsequenz der gestiegenen Mobilität und der zurückhaltenden Investitionstätigkeit.
Wenn also von Kritikern der Personenfreizügigkeit abschreckende Perspektiven wie die «Agglomeration Mittelland» ins Feld geführt werden, wenn von «Dichtestress» als Folge einer unkontrollierten Zuwanderung die Rede ist oder wenn mit explodierenden Wohnkosten argumentiert wird, dann hat das mit den Verhältnissen in Randregionen bisher wenig zu tun. Auf der positiven Seite der Waagschale «Personenfreizügigkeit» wiegen hingegen auch in den Randregionen die Impulse auf die Produktivität, die Verringerung des Fachkräftemangels, die Schaffung von Arbeitsplätzen und letztlich die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums und des Pro-Kopf-Einkommens. Ohne Zuwanderung aus dem Ausland sähen sich Kantone wie beispielsweise Appenzell Ausserrhoden, Glarus, Jura, Uri, Nidwalden oder St.Gallen mit einer schrumpfenden Bevölkerung konfrontiert (vgl. Abbildung). Eine rigorose Beschränkung der Zuwanderung aus dem Ausland ist daher für Randregionen gefährlich, denn es drohen schleichende Entvölkerung und sinkende Wettbewerbsfähigkeit.


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