Wenn sich Kontinentalplatten in verschiedene Richtungen bewegen, so bauen sich in der Erdkruste verborgene Spannungen auf. Ganz ähnlich kann es in der Wirtschaft gehen, sagt Raghuram Rajan, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Chicago. Wird die Scherfestigkeit des Wirtschaftssystems überschritten, so entladen sich die aufgebauten Spannungen als wirtschaftliche Erdbeben, sprich, als Wirtschaftskrisen.
Rajan war einer der Ökonomen, die bereits vor der Finanzkrise vor den Gefahren des Immobilienbooms in den USA gewarnt hatten. Von Alan Greenspan und anderen Mächtigen der Zunft wurde er damals nicht ernst genommen. Doch inzwischen hat er sie an Prestige überholt: Von den Lesern des «Economist» wurde Rajan kürzlich zum Ökonomen mit den wichtigsten Ideen zum ökonomischen Denken nach der Krise gewählt.
Im Buch «Fault Lines» erklärt Rajan seine Thesen. Das Buch ist bereits vor rund einem Jahr erschienen, doch es gibt gute Gründe, es auch heute noch zu lesen: Rajan’s Buch zeigt, dass die Finanzkrise nicht nur als Folge des übergrossen Risikoappetits von Banken entstanden ist, sondern im Zusammenhang mit systemischen Ursachen verstanden werden muss. Diese Ursachen – Rajan beschreibt sie als «fault lines», also als Risse, Verwerfungen oder eben Spannungen – sind auch nach der Finanzkrise noch existent.
Da wäre zum einen das chronische Defizit in der Handelsbilanz der USA, das seine Entsprechung in den Exportüberschüssen von Ländern wie Deutschland oder China findet. Rajan’s Ansicht nach ist dieses Handelsmuster in die einzelnen Volkswirtschaften richtiggehend einprogrammiert: Während exportorientierte Länder auf die Ausgabefreudigkeit von Ländern wie der USA angewiesen sind, um ihr Wirtschaftswachstum hoch zu halten, hat sich die USA auf eine langfristig kaum tragbare Importstrategie eingestellt.
Eine weitere, mit diesem Muster verbundene Spannung ist die unterschiedliche Funktionsweise des Finanzsystems. Während Banken in den USA grosse Freiheiten bei der Kreditvergabe geniessen, unterliegt das Finanzsystem in anderen Ländern einer starken Kontrolle durch den Staat. In den USA konnte sich dank dieser Freiheiten eine hochprofitable Finanzindustrie entwickeln. Diese vermag zwar grosse Mengen ausländischen Kapitals anzuziehen, trägt aber auch zum Auftürmen von Schulden und zur Erhöhung der systemischen Risiken im Finanzsystem bei.
Mit diesen Ansichten steht Rajan in der Fachwelt nicht alleine da. In den USA hat der ehemalige Chefökonom des IWF mit «Fault Lines» dennoch eine kleine Revolution ausgelöst. Denn in seinem Buch macht Rajan eine innenpolitisch brisante Aussage: Seiner Ansicht nach ist die schleichende Verarmung der Mittelschicht einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Grund überhaupt für die aktuellen Wirtschaftsprobleme der USA.
Weshalb? Für Rajan hat die verfehlte Bildungspolitik des Staates dazu geführt, dass der Wohlstandszuwachs der amerikanischen Mittelschicht stagniert: Washington hat es in den letzten Jahrzehnten versäumt, der breiten Bevölkerung den Zugang zu guter Bildung zu ermöglichen. Folge dessen sind die Löhne der Mittelschicht wenig gestiegen, und die Kaufkraft der Einkommen hat sich nur geringfügig erhöht.
Um den amerikanischen Traum von Reichtum und Wohlstand dennoch aufrecht zu erhalten, verliess sich die Politik auf ein trügerisches Mittel: Man liess die Leute «Kredit essen». Über staatliche Förderprogramme und grosszügige Kreditstandards wurde dafür gesorgt, dass auch wenig solide Schuldner ein Eigenheim auf Pump erhielten und ihre Konsumlust mit Kreditkarten stillen konnten. Dies führte zur bekannten Wirtschaftskatastrophe im Jahr 2008.
Für viele ist die Illusion des kreditfinanzierten Wohlstands inzwischen vorbei. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise herrscht die allgemeine Ernüchterung, denn die US-Wirtschaft kommt nur schleppend in Fahrt. Besonders der Rückgang der Arbeitslosigkeit lässt auf sich warten (siehe dazu die Infografik der Washington Post).
Doch zu den wirtschaftlichen gesellen sich heute auch politische Probleme: Im Kongress toben Streitigkeiten ums Staatsbudget. Inspiriert durch die Ideen der Tea Party – einer Protestbewegung, welche die Tätigkeiten des Staates radikal einschränken will – brachte eine Gruppe von Abgeordneten die US-Verwaltung vor zwei Wochen nahe an den Stillstand.
Rajan’s Buch macht die eigentliche Tragik dieser Situation deutlich: Enttäuscht von den vergangenen Leistungen der Politik wenden sich viele US-Bürger gänzlich vom Staat ab. Anstatt von der Politik mehr Initiative in Bereichen wie Bildung und Gesundheit zu verlangen, verteufeln sie rundherum alles, was nach einer grösseren Einmischung aus Washington riecht.
Zur Verbesserung ihrer persönlichen Situation trägt dies ebenso wenig bei, wie es die wirtschaftlichen Spannungen in den USA entschärft. Droht uns bereits das nächste Erdbeben?



Letzte Kommentare