Ist das nicht erstaunlich? In der Geschichte der Fussballweltmeisterschaft hat das Gastgeberland in acht von neunzehn Turnieren das Endspiel erreicht (z.B. Schweden 1958). Sechs Mal wurden die Gastgeber gar Weltmeister, so England 1966, Argentinien 1978 oder Frankreich 1998. Gastgeberland Südkorea schaffte es im Jahr 2002 immerhin überraschend in den Halbfinal.
Warum gewinnen Heimteams überdurchschnittlich oft? Wirkt die Stimmung im eigenen Stadion leistungsfördernd auf die Sportler oder könnte es sein, dass Schiedsrichter tatsächlich die Heimteams bevorteilen? Wie steht es mit den anderen weitverbreiteten Mythen des Sports? Sind die «Chicago Cubs» – ein Baseball Team, das seit über 100 Jahren noch nie die US-amerikanischen World Series gewonnen hat – wirklich verflucht? [1]

Bildquelle: Pixelio
Der Ökonom Tobias Moskowitz und Jon Wertheim, ein Sportjournalist, machten sich daran eine Reihe von sportlichen Stammtisch-Weisheiten statistisch zu überprüfen und zu erklären. Entstanden ist ein faszinierendes Buch über die Verhaltensökonomie des Sports: «Scorecasting: The Hidden Influences Behind How Sports Are Played And Games Are Won».
Interessant sind die verhaltenspsychologischen Muster, die die Autoren als «hidden forces» (versteckte Kräfte) hinter Sportresultaten aufdecken: So sind Schiedsrichter nicht absichtlich parteiisch, sondern orientieren sich bei der Entscheidung z.T. unbewusst an der Stimmung in der Fanmenge – eine Form von «Anchoring».[2]
Auch die menschliche Abneigung gegen Verluste kann Sportakteure beeinflussen. So locht Tiger Woods den Golfball beim «putt» mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit ein, wenn er mit dem Schlag ein «par» sichern kann (ein Schlag über par wäre ein Misserfolg), als wenn er mit dem gleichen Schlag ein «birdie» (Erfolg) erreichen könnte. Da beim Golf aber nur die Gesamtzahl an Schlägen über die ganze Runde zählt, ist ein solches Verhalten nicht rational.[3]
Weitere erstaunliche Befunde der Autoren lassen sich in der Buchkritik des Economist nachlesen. Ausserdem erfahren Sie dort, warum die Sportindustrie das perfekte Versuchslabor für Ökonomen und Ökonominnen ist. Eine Kostprobe aus dem Buch liefert die Website des Radiosenders NPR.
Für das iconomix-Team
Martina Zahno
[1] World Series bezeichnet das jährliche Finale der US-amerikanischen Baseball-Profiligen; hier treffen die Sieger der National League und der American League aufeinander.
[2] Anchoring, oder Anker-/Anpassungsheuristik ist eine unbewusste «mentale Abkürzung», die Menschen oft machen: Unser Urteil ist systematisch verzerrt, weil es sich an einem willkürlichen «Anker», einer bestimmten Information orientiert und nicht an der Gesamtheit von Informationen. Interessante Beispiele finden Sie hier.
[3] Diese Verlustabneigung zeigen zahlreiche Profigolfer, auch wenn um hohe Gewinnsummen gespielt wird. Vgl. Devin G. Pope and Maurice E. Schweitzer (2011): «Is Tiger Woods Loss Averse? Persistent Bias in the Face of Experience, Competition, and High Stakes».


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