Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise erreicht der Schuldenstand des Gesamtstaates in Prozent des BIP für viele Industrieländer inzwischen bedrohliche Ausmasse. Die sogenannte Staatsschuldenquote liegt gegenwärtig z. B. für Deutschland bei 75 Prozent, für Portugal bei über 80 Prozent, für Irland knapp unter 100 Prozent und für Griechenland bei rund 130 Prozent – Tendenz steigend.[1]
Zwei renommierte Ökonomen aus den USA, Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, haben dazu eine interessante Studie verfasst. Sie handelt vom Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum. Die Autoren untersuchten Zeiträume hoher Staatsverschuldung in 44 Ländern, über 200 Jahre hinweg. In einem Blogbeitrag auf voxEU präsentieren sie ihre Resultate.[2]
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Der Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und realem BIP Wachstum ist nicht linear. Das heisst, das Wirtschaftswachstum reagiert nicht proportional auf eine Zunahme der Verschuldungsquote. Vielmehr stellt eine Staatsschuldenquote von 90 Prozent eine Art Schwellenwert dar oder kritische Grenze: Unterhalb der 90 Prozent Marke besteht nur ein schwacher Zusammenhang zwischen den beiden Grössen. Eine Quote von 90 Prozent und mehr ist dagegen mit einer signifikant tieferen Wachstumsrate verbunden. Dies gilt sowohl für Industriestaaten als auch für Entwicklungsländer.
Reinhart und Rogoff betonen, dass der Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wachstum ein zweiseitiger ist: Einerseits beeinflusst das wirtschaftliche Wachstum den Staatshaushalt, indem während tiefgreifenden Rezessionen der Schuldenberg typischerweise anwächst. Andererseits wirkt sich eine hohe Staatsverschuldung negativ auf das Wirtschaftswachstum aus, indem ein hohes Staatsdefizit höhere Steuern und weniger Staatsausgaben nach sich zieht.[3]
Was bedeutet Reinhart und Rogoffs Erkenntnis für die Politik? Die Studie zeigt, dass erst eine relativ hohe Verschuldungsquote eindeutig negative Folgen für das Wirtschaftswachstum hat. Die Diskussion, ob stark verschuldete Länder nun mit höheren Staatsausgaben die Konjunktur ankurbeln oder besser den Staatshaushalt sanieren bzw. Schulden abbauen sollten, wird dadurch neu belebt. Auch räumen die Autoren ein, dass die Konsequenzen hoher Staatsverschuldung nicht für jedes Land gleich sind und z. B. die USA ein höheres Schuldenniveau verkraften als andere Nationen. Trotzdem warnen die Autoren vor zu viel Optimismus: Die Risiken der Überschuldung sind offensichtlich und dürfen nicht vernachlässigt werden.
Für das iconomix-Team
Martina Zahno
[1] Quellen: u.a. Global Debt Clock des Magazins The Economist (Projektionen für 2010)
[2] C. M. Reinhart und K. Rogoff (2010): «Debt and growth revisited»
[3] Vgl. auch iconomix-Baustein Staatsverschuldung


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