Eigentlich müssten rohstoffreiche Länder wirtschaftlich im Vorteil sein: Bodenschätze versprechen Exporteinnahmen, ziehen ausländische Investoren an und erleichtern die industrielle Entwicklung. Tatsache ist jedoch, dass die Wirtschaftsleistung vieler Länder mit grossen Öl-, Gas- und Metallvorkommen unter den Erwartungen bleibt. Sind diese Länder vielleicht mit dem «Fluch der Rohstoffe» belegt?[1]
Algerien ist gegenwärtig der grösste Erdölproduzent Afrikas und der viertgrösste Gasexporteur der Welt. In seiner Wirtschaftsgeschichte waren die Rohölpreise auf dem Weltmarkt zentral (Klick aufs Bild für die volle Grafik):
Die erste Ölkrise (1973) trieb den Ölpreis in die Höhe und bescherte Algerien einen wahren Geldsegen. Mit den Exporterlösen wurden zahlreiche Industrieprojekte finanziert: Fabriken wurden im Ausland auf Kredit gekauft und in Algerien schlüsselfertig installiert. Mangelndes Fachpersonal und schlechte Auslastung machten die neu gegründeten Staatsbetriebe jedoch zu teuren und unrentablen Anlagen.[2]
Auch während der zweiten Ölkrise (1979) wurde mit den hohen Einkünften wenig nachhaltig umgegangen. Exporterlöse wurden verwendet, um massenhaften Import an Konsumgütern zu finanzieren und politischen Einfluss zu sichern. Wieder wurden Schulden aufgetürmt.
Mit dem Kollaps des Ölpreises im Jahr 1986 brachen Algeriens Einkünfte ein; die Regierung konnte ihre Auslandschulden kaum mehr begleichen. Massive Einschnitte im Lebensstandard wurden nötig, das politische Klima verschlechterte sich und Algerien schlitterte in einen Bürgerkrieg.[3] Nach dem Wachstum der 60-er und 70-er Jahre stagnierte das BIP über zehn Jahre hinweg auf dem Niveau von 1985 (aufs Bild und dann «Play» klicken):
Erst seit Ende des Jahrtausends befindet sich Algeriens Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs – im Gleichschritt mit den Rohölpreisen. Erdgas und Erdöl erbringen heute rund 30% des algerischen BIP, 60% der Staatseinnahmen und 95% der Exporterlöse. Die Abhängigkeit vom Rohöl-Weltmarktpreis macht Algerien verwundbar, doch die Regierung hat inzwischen aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: Trotz des Wegfalls von 40% der Exporterlöse im Krisenjahr 2009 bleibt das Land heute praktisch schuldenfrei.[4]
Kurzfristig dürfte die Algerier aber besonders eine Frage beschäftigen: Wie schneidet die Nationalmannschaft an der WM in Südafrika ab? Klar ist, dass Algerien mit England, den USA und Slowenien nicht eben die leichteste Gruppe erwischt hat. Doch wie sagte einst die deutsche Fussballlegende Sepp Herberger: «Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.»
Für das iconomix-Team
Carolin Straus und Simon Schmid
[1] Vgl. Paul Collier: «The Bottom Billion»
[2] Richard M. Auty: «Economic and Political Reform of Distorted Oil-Exporting Economies»
[3] Miriam Shabafrouz: «Oil and the Eruption of the Algerian Civil War»
[4] CIA Factbook 2010




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