Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem 5-Kilometer-Lauf teilnehmen. Dabei erhalten die schnellsten 10% der Läufer eine Preissumme von 1000 Franken ausbezahlt. Alle anderen Teilnehmer gehen leer aus. Frage: Würden Sie sich mehr anstrengen, wenn die Anzahl Teilnehmer halbiert würde?
Unter der Annahme, dass alle Läufer vergleichbare Fähigkeiten aufweisen, müsste die Antwort eigentlich lauten: Nein. Ob 50 oder 100 Teilnehmer, die Chance auf die Preissumme ist immer 10%.
Interessanterweise zeigt eine Serie von Experimenten aus der Verhaltensökonomie, dass die Gruppengrösse sehr wohl einen Effekt auf die individuelle Leistungsbereitschaft hat. Was aber führt zu diesem Verhalten?
Stephen Garcia und Avishalom Tor sind dieser Frage nachgegangen.[*] Ihre Feststellung: Schüler schreiben weniger gute Noten, wenn die Anzahl Mitschüler im Prüfungssaal erhöht wird. Um ausschliessen zu können, dass dieser Effekt auf ein erhöhtes Mass an Ablenkung zurückzuführen ist, haben Sie folgendes Experiment durchgeführt:
Studenten einer Universität wurden gebeten, ein einfaches Quiz in möglichst kurzer Zeit zu lösen. Dabei war jeder der Teilnehmer alleine in einem Raum. Nun wurde den Kandidaten abwechselnd mitgeteilt, sie würden A) im Wettbewerb mit 10 weiteren Studenten oder B) im Wettbewerb mit 100 weiteren Studenten stehen. Die schnellsten 20% würden anschliessend einen Geldbetrag von 5 Dollar erhalten. Das Resultat: Die erste Gruppe war um gut 15% schneller als die zweite!
In weiterführenden Experimenten konnte der Ursache mehr und mehr auf den Grund gegangen werden. Der beobachtete Effekt scheint psychologisch motiviert: Je kleiner eine Bezugsgruppe, desto stärker wirkt der Drang, sich mit anderen zu messen. Wird die Gruppengrösse erhöht, so reduzieren exakt jene Individuen ihren Leistungseinsatz am meisten, welche die ausgeprägteste Neigung haben, sich mit ihren Mitstreitern zu vergleichen.
Bestätigt sich dieser Befund in weiteren Studien, so ergeben sich daraus interessante Anknüpfungspunkte im Bereich der Organisation von miteinander im Wettbewerb stehenden Individuen. Konkret kann dies beispielsweise zu einer Neugestaltung der Arbeitsplatzbedingungen führen. Aber auch die Diskussion um die optimale Klassengrösse ist um ein Argument reicher und darf wieder neu belebt werden.
Für das iconomix-Team,
Pascal Sulser
[*] S.M. Garcia and A. Tor, 2009. The N-Effect: More Competitors, Less Competition, Psychological Science, 20, 871-877.


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